Klimarisiko klingt für viele nach „Nachhaltigkeit“ – also nach Reporting, Image und einem weiteren To-do für ESG. In der Praxis ist es längst ein Managementthema: Es betrifft Lieferfähigkeit, Kosten, Investitionen, Standorte und zunehmend auch Versicherbarkeit und Finanzierung.
Die zentrale These dieses Artikels ist deshalb einfach: Klimarisiko ist kein Nachhaltigkeitsthema, sondern ein Strategie-Thema. Und wer es strukturiert analysiert, gewinnt nicht nur „Compliance“, sondern vor allem Entscheidungsfähigkeit.
Warum jedes Unternehmen jetzt ran muss
Klimawandel als operative Realität
Viele Effekte sind nicht „2040“, sondern heute spürbar – oft indirekt, aber geschäftskritisch:
- Störungen in Lieferketten und Logistik (Ausfälle, Umwege, Verzögerungen)
- Belastung von Produktion und Infrastruktur (z. B. Hitze, Starkregen, Wasserverfügbarkeit)
- Kosten- und Preisvolatilität (Energie, Beschaffung, Versicherung, Transport)
- Spannungen in Planung und Servicelevel (mehr Puffer vs. Effizienz)
Wichtig: Klimarisiken wirken selten isoliert. Häufig überlagern sie sich – und genau das macht sie zum Managementthema.
Es geht um Steuerung, nicht um ein ESG-Silo
Selbst wenn regulatorische Anforderungen mitlaufen: Der eigentliche Hebel ist unternehmerisch. Klimarisiko berührt Entscheidungen, die ohnehin anstehen:
- Capex (Umbau, Neubau, Technik, Standort)
- Lieferkettenstrategie (Single Source, Alternativen, Qualifizierung)
- Produkt-/Marktstrategie (Anforderungen, Robustheit, Nachweise)
- Risikomanagement (Prioritäten, Trigger, Verantwortlichkeiten)
Wer das Thema nur als ESG-Aufgabe parkt, verliert Tempo – und meist auch Wirkung.
Begriffe ohne Nerd-Sprech: Klimarisiko & Vulnerabilität
Klimarisiken im Unternehmenskontext
Praktisch hilft eine einfache Unterscheidung:
- Physische Klimarisiken: direkte Einwirkungen wie Hitze, Starkregen, Hochwasser, Dürre, Stürme.
- Übergangs-/Transformationsrisiken: Veränderungen durch den Wandel der Wirtschaft – z. B. neue Kundenanforderungen, technologische Umbrüche, veränderte Marktbedingungen oder steigende Erwartungen von Finanzierern/Versicherern.
Beide Kategorien beeinflussen Unternehmensziele – nur auf unterschiedlichen Wegen.
Vulnerabilität: Warum gleiche Risiken unterschiedlich wirken
Viele Diskussionen bleiben bei „Risiko“ stehen (Wie wahrscheinlich ist X?). Für Unternehmen ist meist entscheidender: Wie verwundbar sind wir, wenn etwas passiert?
Diese Verwundbarkeit nennt man Vulnerabilität. Und sie erklärt, warum zwei Unternehmen in derselben Region ein völlig anderes Risikoprofil haben können.
Die drei Bausteine der Vulnerabilität (Merkliste)
- Exposition: Sind wir überhaupt betroffen (Standort, Route, Lieferregion)?
- Sensitivität: Wie stark trifft es Prozesse, Qualität, Durchsatz, Kosten?
- Anpassungsfähigkeit: Wie gut können wir reagieren (Alternativen, Redundanzen, Governance)?
Im White Paper ist dieses Modell als Grafik aufbereitet – plus typische Beispiele je Baustein.
Der wichtigste Schritt: Erst die Gegenwart verstehen
Prozesse statt Postleitzahlen
Ein häufiger Fehler ist, zu früh über „Klimaszenarien“ zu sprechen – ohne das eigene System verstanden zu haben. Natürlich ist es sinnvoll zu wissen, was sich künftig verändern kann. Aber die wirklich entscheidende Vorarbeit ist: Wie funktioniert unsere Wertschöpfung heute – und wo sind die empfindlichen Stellen?
Denn Klimarisiken wirken oft über Prozesse:
- durch temperatur- oder wasserabhängige Prozessschritte
- über IT/OT und Kühlung
- über Logistik-Knotenpunkte
- über qualitätskritische Prozessfenster und Wiederanlaufzeiten
Kritische Abhängigkeiten sichtbar machen (heute!)
Ein pragmatischer Einstieg ist die Sicht auf kritische Abhängigkeiten, z. B.:
- Energie: Stabilität, Spitzenlast, Alternativen
- Wasser: Menge, Qualität, Restriktionen
- IT/OT: Ausfallfolgen, Wiederanlauf, Kühlung
- Logistik: Knotenpunkte, Routen, Zeitkritik
- Personal: Arbeitsfähigkeit bei Hitze, Arbeitssicherheit
- Vorprodukte: Single Source, Vorlaufzeiten, Qualifizierungszyklen
Damit wird aus „Klimarisiko“ etwas Management-taugliches: eine Diskussion über Lieferfähigkeit, Kosten, Qualität und Optionen.
Blick nach vorn: Szenarien als Robustheitstests (keine Prognosen)
Was Szenarien leisten – und was nicht
Szenarien sind keine Glaskugel. Sie helfen nicht, die „richtige Zukunft“ zu erraten, sondern Entscheidungen robuster zu machen. Gute Leitfragen sind:
- Was passiert, wenn bestimmte Stressoren häufiger oder intensiver auftreten?
- Welche Abhängigkeiten werden teurer, instabiler oder politisch/marktseitig schwieriger?
- Welche Entscheidungen wirken lange (Standorte, Anlagen, Lieferantennetz) und sollten deshalb robuster sein?
Mehrere Zukünfte denken statt eine Wahrheit suchen
In der Praxis verändern sich Risiken selten völlig neu – häufig werden bestehende Verwundbarkeiten:
- verstärkt (tritt häufiger auf),
- verschoben (wandert in andere Stufen der Lieferkette),
- kumuliert (mehrere Effekte treffen gleichzeitig).
Das ist der Grund, warum „Gegenwart zuerst“ so wichtig ist: Sie zeigt, wo Szenarien wirklich relevant werden.
Von Risiko zur Entscheidung: Priorisieren statt perfektionieren
Von Risiko zur Entscheidung: Priorisieren statt perfektionieren
„Wesentlich“ ist nicht, was am meisten Schlagzeilen macht – sondern was Unternehmensziele spürbar beeinflusst, z. B.:
- Lieferfähigkeit/Servicelevel
- Marge (Mehrkosten, Ausschuss, Eilmaßnahmen)
- Kapitalbindung (Bestände, Sicherheitslager)
- Investitionsbedarf und Asset-Risiken
- Kunden- und Finanzierungserwartungen
Maßnahmenlogik mit Augenmaß
Aus einer Analyse folgt idealerweise keine Wunschliste, sondern eine klare Maßnahmenlogik. Bewährt ist eine einfache Einteilung:
- Vermeiden (Verwundbarkeit gar nicht erst entstehen lassen)
- Reduzieren (technisch/organisatorisch abmildern)
- Übertragen (wo sinnvoll vertraglich/versicherungsseitig)
- Akzeptieren (bewusst, mit Monitoring und Notfallplan)
Mini-Case Automotive: Wenn „die Lieferkette halt so ist“ nicht reicht
Ausgangslage: effizient, aber empfindlich
Ein mittelständischer Automotive Tier‑2‑Zulieferer arbeitet hoch effizient: geringe Lager, hohe Auslastung, enge Taktung. In der Lieferkette gibt es Spezialvorprodukte mit langen Vorlauf- und Qualifizierungszyklen. Die Haltung im Management: „Da kann man nichts ändern – das ist eben so.“
Aha-Moment: Die größte Verwundbarkeit lag nicht im Werk
In der Gegenwartsanalyse wurde sichtbar, dass die größte Verwundbarkeit nicht in der eigenen Halle lag, sondern in zwei vorgelagerten Knotenpunkten: ein kritisches Vorprodukt und ein nachgelagerter Spezialprozess – jeweils ohne kurzfristige Alternative. Ein Ausfall hätte sehr schnell zu Lieferproblemen geführt.
Was dann passierte, war keine „Lieferkette neu erfinden“-Übung, sondern gezielte Steuerung:
- Alternativen dort vorbereiten, wo Qualifizierung lange dauert
- Notfall- und Priorisierungslogik für stop-the-line-Teile definieren
- Puffer dort erhöhen, wo ein Ausfall sofort eskaliert
Ergebnis: Effizienz blieb – aber Lieferfähigkeit wurde steuerbarer.
Fazit: Klimarisikoanalyse macht Zukunft entscheidbar
Klimarisiko ist nicht „noch ein Nachhaltigkeitsthema“. Es ist eine Frage, wie gut ein Unternehmen unter Unsicherheit entscheidet – heute und morgen. Der Schlüssel ist, die eigene Vulnerabilität zu verstehen: über Prozesse und Abhängigkeiten, nicht nur über Karten und Schlagworte.
Wer dann Szenarien als Robustheitstest nutzt, priorisiert und eine Maßnahmenlogik etabliert, macht aus einem diffusen Zukunftsthema ein Steuerungsinstrument.